Messwerte einordnen

LF/HF: Zeigt dieser Wert wirklich mein Stressgleichgewicht?

Von Uli Gutbrod · · 3 Min. Lesezeit

Ein Verhältnis zwischen zwei Zahlen soll verraten, ob dein Sympathikus oder Parasympathikus dominiert. Diese Deutung ist zu einfach.

Anlegen von Messelektroden am Handgelenk für eine HRV-Aufzeichnung
Eine nachvollziehbare Messung beginnt beim korrekt angelegten Sensor. Foto: Uli Gutbrod · vorhandener Website-Bildbestand.

Auf manchen HRV-Befunden sieht das Verhältnis LF/HF aus wie eine direkte Gegenüberstellung zweier Nervensystemanteile. Ein hoher Wert wird dann mit Stress, ein niedriger mit Entspannung gleichgesetzt. So eindeutig ist die Physiologie nicht.

LF und HF bezeichnen Bereiche einer Frequenzanalyse der Schlagabstände. Sie sind keine direkten Messungen einzelner Nerven. George Billman hat ausführlich dargelegt, weshalb das LF/HF-Verhältnis die sogenannte sympathovagale Balance nicht zuverlässig abbildet. Die Annahme, LF sei einfach Sympathikus und HF einfach Parasympathikus, trägt diese Schlussfolgerung nicht. [1]

Warum Atmung die Deutung verändern kann

Wenn du langsamer atmest, verändert sich auch die zeitliche Struktur der atembezogenen Herzschwankungen. Ein Befund unter angeleiteter langsamer Atmung muss deshalb anders gelesen werden als eine Ruheaufnahme mit spontaner Atmung. Ein auffälliges Verhältnis ist dann nicht automatisch der Beleg für stärkeren psychischen Stress.

Die Veröffentlichungsempfehlungen von Quigley und Kollegen raten ebenfalls davon ab, LF oder LF/HF in psychophysiologischer Forschung als Maß sympathischer Aktivität zu verwenden. Sie betonen zudem, wie wichtig die Berücksichtigung der Atmung ist. [2]

Was du bei einer Auswertung fragen kannst

Frage konkret: „Was wurde direkt gemessen, und was wird daraus abgeleitet?“ Lass dir erklären, ob ein Atemsignal aufgezeichnet wurde und unter welchen Bedingungen die Messung stattfand. Wenn aus einem einzelnen Verhältnis eine weitreichende Aussage über deine gesamte Regulation entsteht, bitte um die fachliche Grundlage.

Eine weitere sinnvolle Frage lautet: „Welche Entscheidung würde sich durch diesen Wert ändern?“ Wenn die Antwort nur darin besteht, eine ohnehin geplante Maßnahme zu begründen, ist seine zusätzliche Bedeutung möglicherweise gering. Ein Parameter muss dir nicht wichtig erscheinen, nur weil die Software ihn ausgeben kann.

Du darfst auch um eine Erklärung ohne Farbbalken bitten. Was passt zu deinem Befinden? Welche anderen Messwerte wurden berücksichtigt? Welche Aussage lässt sich ausdrücklich nicht treffen? Das ist kein Misstrauen gegenüber der Messung. Es ist ein normaler Teil einer verständlichen Beratung.

Was von der HRV trotzdem bleibt

Die Grenzen eines einzelnen Parameters machen die gesamte HRV nicht nutzlos. Sauber aufgezeichnete Verläufe können in einer passenden Fragestellung hilfreiche zusätzliche Informationen liefern. Sie werden aber nicht besser, wenn wir ihnen eine Genauigkeit zuschreiben, die sie nicht haben.

In meiner Arbeit sollen Zahlen ein Gespräch präziser machen. Wenn du nach einer belastenden Woche schlecht schläfst und dauerhaft angespannt bist, brauchen wir keinen vermeintlichen Beweis durch ein LF/HF-Verhältnis, um darüber zu sprechen. Wir können direkt prüfen, was dich belastet und welche Veränderung im Alltag realistisch ist.

Dieser Beitrag dient der Information. HRV ersetzt keine ärztliche Diagnose. Deine Beschwerden und die Messbedingungen gehören zur Einordnung.

Die Hauptfassung dieses Beitrags findest du im Zentrum für Prävention & Regeneration.

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